Zivilcourage – ein zeitloser Wert?

Vor kurzem war ich in meiner Heimatstadt Leoben in Österreich zu Besuch. Nach langer Zeit habe ich dort wieder einmal mit meiner ehemaligen Nachbarin gesprochen. Diese hat mittlerweile ihr 95. Lebensjahr erreicht. Nach wie vor lebt sie alleine und ohne zusätzliche Hilfe in ihrem einstöckigen Haus.


Nach wie vor putzt und kocht sie selbst. Sie spürt schon ihr Alter, sagt sie. Noch immer mag sie die griechischen Göttersagen und verfolgt die aktuelle Politik. Ihre Freundinnen sind schon alle verstorben. Als wir klein waren, gingen wir nach der Schule immer zu ihrem Haus und läuteten an der Türe. Dann ging im ersten Stock das Fenster auf und sie warf uns verschiedene Sorten von Eiskonfekt herunter. Ein täglicher Genuss vor dem Mittagessen … ;)

Diesmal erzählte sie von ihrer Jugend. Sie sagte, Hitler habe ihre Jugend gestohlen. Als Schülerin mit 17 Jahren verteilte sie Flugzettel, in welchen vor den Auswirkungen des aufkommenden Hitler-Regimes und dessen Plänen gewarnt wurde. „Dies wird zum Krieg führen“, sagte sie schon damals. Heute weiß sie, dass alles genau so eingetreten ist, wie es damals dort geschrieben stand. Sie und zwei ihrer Freundinnen warfen die Flugzettel in der Schule vom oberen Stock in den Flur. Später verteilten sie die Flugblätter heimlich in den Wohnblöcken ihrer Heimat. Die Mädchen hatten allerdings nicht mit den sogenannten Blockwarten gerechnet. Diese hatten die Aufgabe, die Bewohner nach ihrer politischen Gesinnung zuzuordnen. So wurde bald klar, dass sie der Tat verdächtig war. Schlussendlich wurde sie als Siebzehnjährige verhaftet und in einem Prozess in Graz verurteilt. Das Urteil lautete auf drei Jahre Haft. Sie berichtete darüber nichts Näheres. Danach wurde sie freigelassen. Allerdings nur kurz. Bald darauf wurde sie in das Konzentrationslager bei Ravensbrück im brandenburgischen Landkreis Templin gebracht.

Auch dazu schwieg sie. Nur, dass sie noch immer nicht bei geschlossener Türe schlafen kann, erzählte sie. Denn dann hat sie das Gefühl, eingesperrt zu sein. Das erinnere sie an damals. Vom Lager Ravensbrück erzählt sie nur, dass die Jungen eher überlebten als die Alten. Sie war unter den Überlebenden. Sie war jung. Nach Kriegsende ging sie zu Fuß rund 1.000 km nach Hause. Nachdenklich erzählt sie, dass sie einmal gehört hat, dass die Alliierten im Nachhinein recherchiert hätten, ob es in Österreich Widerstand gegeben hat. Diese Widerstandsbewegungen waren die Basis für die Anerkennung Österreichs als eigene Nation und die spätere Neutralität. Mit dem Blick ins Leere starrend sagte sie: „Vielleicht haben unser Sachen ja doch ein bisschen beigetragen.“ Hier war erstmals ein nachdenklicher Blick, mit einem Hauch von Sinn, der vielleicht doch diese Situation und die Folgen ihres Handelns rechtfertigte. Nicht für sie persönlich. Aber für die größere Gemeinschaft.

Der französische Begriff „courage civil“ bedeutet Bürgermut. Diese Tugend fordert den Einzelnen auf, durch seinen Mut und persönliches Handeln in einem öffentlichen Konflikt, woran mehrere Personen beteiligt sind, Stellung zu beziehen, auch wenn ihm persönlich daraus eventuell Nachteile entstehen. Aus diesem Beispiel wird ersichtlich, wie groß der Einsatz, der Mut zum Einsatz für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte war, aber welch dramatische persönliche Auswirkungen daran auch hängen konnten. Auch das ist ein Teil der historischen Last der Generation unserer Eltern und Großeltern.

Unsere Gesellschaft ist heute wesentlich individualisierter. Gemeinschaft als Wert ist unwichtiger geworden als früher. Und doch gibt es immer wieder, auch heute noch Menschen, die Zivilcourage zeigen. Die spannende Frage ist jedoch, wo wir selbst Zivilcourage zeigen können, vor allem aber auch wollen. Wo sind jedoch die Grenzen? Haben wir persönlich schon einmal Zivilcourage gezeigt? Wo ist es uns vielleicht auch nicht gelungen? Wo hat uns der Mut verlassen? Wofür stehen wir? Was ist unser Beitrag zur Gesellschaft? Dies hängt unmittelbar mit unseren eigenen Werten und Überzeugungen zusammen. Und welcher Preis ist dafür zu bezahlen? Oder wie meine Nachbarin sagte: „Wenn ich gewusst hätte, was danach alles kommt, hätte ich die Zettel vielleicht nicht verteilt.“

Nachfolgend ein Link aus der „Zeit“ zum Thema „Hat Zivilcourage Grenzen?“ http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-12/tugce-zivilcourage-gewalt

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