Unsere Angst vor der Flüchtlingswelle – wie können wir damit umgehen?

Der seit Monaten ungebrochenen Flüchtlingsstrom ist eine absolute Ausnahmesituation, wie wir sie in dieser Form auch noch nicht kennen. Zwar haben wir sehr wohl schon Flüchtlingswellen erlebt – siehe Ungarnkrise, Polenkrise, den Kriegsverlauf im ehemaligen Jugoslawiens – aber das war irgendwie alles absehbar. Bei der jetzigen Krise fällt auf, dass wir sehr lange weggeschaut, die Hilferufe nicht gehört haben. Irgendwann haben wir sie ein bisschen gehört. Italien und Lampedusa. Doch das war weit weg. Griechenland und Flüchtlinge? Das war bei uns kein Thema. Den Griechen haben wir nur gesagt, sie sollen ihre Finanzen in Ordnung bringen. UNHCR, die Flüchtlingsorganisation der UNO, hat schon lange Alarm geschlagen. Der Höhepunkt: Es wurden die finanziellen Mittel der Flüchtlingsversorgung vor Ort gestrichen.
Hier eine Zeitungsmeldung vom 1.12.2014:
„Genf - Aus Geldmangel hat das Welternährungsprogramm der UNO (WFP) seine Hungerhilfe an 1,7 Millionen Flüchtlinge in den Nachbarstaaten Syriens eingestellt. "Ohne die Gutscheine des WFP wird es in vielen Familien Hunger geben", teilte die UNO-Organisation in Genf am Montag mit. Wichtige Geberländer seien ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen. Bereits im September hat das WFP angekündigt, die Lebensmittelrationen von Flüchtlingen zu kürzen.“

Wir haben einfach nicht hingeschaut. Noch ärger. Wir haben den Flüchtlingen noch das wenige genommen. Und was passiert dann? Grundschulmathematik: 1+1=2

Vor 15 Jahren habe ich einen Vortrag von Bill Clinton gehört. Darin hat er gesagt, dass es unsere Aufgabe sei, zu schauen, wie wir mit Ländern umgehen, die demokratisch und wirtschaftlich schlecht entwickelt sind. Er hat es so formuliert: „Wenn wir ihnen nicht helfen, sich selbst zu entwickeln, bis sie sich wirtschaftlich ernähren können, werden sie zu uns kommen und sich nehmen, was sie brauchen.“

Und genau das ist jetzt passiert: Sie kommen und brauchen Existenzielles und das in großer Masse. Ich wohne in der Nähe des Grenzübergangs zu Slowenien. Das ist alles schon sehr eindrücklich. Wenn Polizei und Militär die Massen nicht mehr halten können. Schon verständlich, dass uns dies ein Stück weit Angst macht.

Was für mich faszinierend ist: Am Anfang war die Einstellung „Das Boot ist voll“ das Thema, aber irgendwann ist das gekippt, und plötzlich stand das Thema „Menschlichkeit“ stark im Vordergrund – als dieser kleine Junge vor Griechenland angespült wurde. Plötzlich hat sich alles komplett gedreht. Irgendwann kippte „Das Boot ist voll“ um zu „Wir müssen helfen“.

Dann ist es weitergegangen und irgendwann kam die Frage: Wann wird es aufhören? Wird es jemals aufhören? Die Zahlen sind an der Stelle sehr spannend. Wenn man diese in Vergleich zur Bevölkerung der einzelnen Länder stellt, zeigen diese, dass alles relativ ist. Wie sagte jüngst Jean Claude Juncker, der amtierende EU Kommissionspräsident: „Wenn wir alle zur Zeit in Bewegung befindlichen Menschen auf ganz Europa aufteilen sind es 0,11%.“ Ich habe mir überlegt, was uns bei der Diskussion zwischen diesen beiden Extrempolen weiterhelfen könnte und bin auf drei Themen gekommen: Das erste sind Werte, das zweite ist die Frage, wie sich gewisse Grundgesetzmäßigkeiten des Lebens anwenden lassen, und das dritte ist eine Anschauung des Themas aus der Sicht der Spiritualität.

Diesen drei Themen werde ich mich in meinen nächsten Blog-Beiträgen näher widmen.

Damit habe ich eine Frage an Sie:
Wofür stehen wir eigentlich? Ich halte das für eine große Chance, dass wir uns klarmachen können, wofür wir eigentlich stehen und wofür nicht. Und ich glaube, das ist auch eine große Chance für die Identität, nicht nur die menschliche und persönliche, sondern auch für die nationale und übernationale Identität, dass wir da ein Stück weiterkommen. Weil wir uns jetzt mit dem Thema beschäftigen müssen.

Wie beschäftigen Sie sich mit diesem Thema? Was sind ihre Gedanken? Was hilft in dieser Situation? Welchen Beitrag können wir auch im Kleinen leisten?

Ich freue mich auf einen regen Austausch mit Ihnen.

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